Motorola RAZR: Rasiermesser mit BILD-Zeitung

Performance und Bedienung

Samsung gibt bis zu 324 Stunden (13 Tage) im Standby-Betrieb und bis zu 10 Stunden Sprechzeit an, beim US-Kollegen mit 4G LTE noch weniger. Das ist ziemlich durchschnittlich trotz des großzügig bemessenen 1780 mAh Akkus. Zuverlässige Akku-Tests gibt es wenige.

Der AnTuTu-Tester belastet die Smartphone-CPU mit verschiedenen Operationen, misst die Zeit, bis der Akku nur noch zu einem gewissen Prozentsatz gefüllt ist und vergleicht das Ergebnis mit anderen Geräten (zugegeben, nicht alle hoch aktuell). Bei diesem Test darf sich das RAZR hinten anstellen und landet hinter dem Samsung Galaxy SII und LG Optimus Speed mit jeweils etwas geringerer Akkukapazität. Ein weiterer Akku-Benchmark-Test schaltet der Reihe nach Verbraucher (GPS, WLAN, Bluetooth, Display, Lautsprecher) an und wieder aus, bis ein gewisser Batterie-Level erreicht. Die dann gemessene Durchhaltezeit gilt als Benchmark. Auch hier liegt das RAZR im unteren Durchschnitt.

 

Schwerer wiegt, dass bei ausgeschaltetem Bildschirm (Stand-by) und teilweise eingeschalteten Verbrauchern (WLAN) das RAZR über Nacht leer lief, wobei wir nicht beurteilen können, ob der der Akku schon nach 6 Stunden oder erst 10 Stunden den Dienst versagte. Diesen Test hat das RAZR zwei Mal nicht bestanden, sodass wir von einem wiederkehrenden Fehler ausgehen.

Ein dritter Versuch endlich verlief erfolgreich: Der Akku des RAZR war am nächsten Morgen noch sehr ordentlich gefüllt, wobei wir dieses Mal das Akku-Management von „Intelligente Aktionen“ (Smart Actions, s. Software) zugeschaltet hatten. Eigentlich unerklärlich, denn dieses Management deaktiviert nur GPS sowie Hintergrundsynchronisierung und setzt die Displayhelligkeit auf 25 %. Bei beiden vorherigen Leerlaufaktionen waren jedoch Display und GPS ohnehin ausgeschaltet. Wir können daher nur spekulieren, warum sich der Akku so schnell entleerte – möglicherweise schelchtes oder gar kein Basis-Batteriemanagement – und empfehlen, immer die Akkuschonung von Smart Actions einzuschalten. Ansonsten bietet Motorola ein ziemlich hässliches Universal Power Pack mit 1860 mAh Kapazität für ca. 40 USD oder 35 EUR an, um dem Übel abzuhelfen.

Der Bootvorgang nimmt reichliche 50 bis 55 Sekunden bis zur PIN-Eingabe in Anspruch, ein Schnellstartmodus fehlt. Das Herunterfahren ist dagegen in 10 Sekunden erledigt. Der OMAP 4430 von Texas Instruments (TI) Chipsatz des RAZR, der gleiche wie im LG Optimus 3D, war noch im Frühjahr der schnellste auf dem Markt und führte fast alle Benchmarks an. Nach der Hochtaktung auf 1,2 GHz hat er nochmals einen Zahn zugelegt.  Während das RAZR auf TI-Plattform basiert, steckt im Galaxy SII das Eigengewächs Exynos 4210. Für die Gesamt-Leistung entscheidend sind nicht allein die Zentralprozessoren (CPU) sondern auch die Grafikbeschleuniger (GPU). Dieser ist beim RAZR/TI eine PowerVR SGX540 und beim SGSII/ Exynos 4210 eine Mali-400MP.

Unser RAZR-Testgerät setzt sich beim AnTuTu-Benchmark-Mischtest knapp zwischen das hoch gelobte Samsung Galaxy Google Nexus und das Samsung Galaxy SII; bedeutend sind die Unterschiede aber nicht (das Tablet Asus Transformer Prime läuft mit seiner Quad-Core nVidia Tegra 3 noch außer Konkurrenz). 

Bei der reinen Rechenleistung spielt das RAZR sein volles Potenzial aus und hängt in zwei Disziplinen das Samsung Galaxy SII locker ab, kann mit dem iPhone 4S mithalten und landet nur knapp hinter dem Samsung Galaxy Google Nexus mit dem neuen Android 4.0. Hier scheint sich nicht nur TIs CPU, sondern auch – wieder einmal – die Doppelkanal-Architektur zu bewähren. Ob solche Zahlenspiele für den durchschnittlichen Nutzer erlebbar und bedeutsam sind, steht auf einem anderen Blatt.

 

Ohne eine gute Abstimmung nützt die beste Hardware nichts. Genau umgekehrt sieht die etwas betrübliche Grafikleistung aus. Hier scheinen Motorola bzw. TI mit der PowerVR SGX540 GPU aufs falsche Pferd zu setzen oder Abstimmungsprobleme zu haben. Unerreicht in den OpenGL-Benchmarkings sind das iPhone 4S und das Samsung Galaxy SII. Dagegen fallen nicht nur das mit Vorschusslorbeeren bedachte Nexus und der große Bruder des SGSII, das Samsung Galaxy Note, sondern eben auch das RAZR stark ab. Dies ist bei manchen Anwendungen durch leichte Ruckler sogar merkbar. Nutzer, denen grafikintensive Anwendungen wie Gaming egal sind, wird es nicht weiter jucken. Doch zu einer runden Leistung gehört auch starke Grafik. Schließlich sind auch Multimedia und Navigation bzw. Kartendienste wesentliche Standbeine heutiger Alleskönner.

Für eine gute Vergleichbarkeit ist der Offscreen-Test besonders zu beachten, denn nur er bedenkt alle Geräte mit derselben Auflösung. Wer es selbst probieren möchte: GLBenchmark 2.1 ist für Auflösungen bis HD 720p gut, Full-HD 1080p benötigt die kommende Version 2.5. Die Android-Version ist im Market kostenlos erhältlich und kann nach Registrierung genutzt werden. Apple-iOS-Nutzer müssen im AppStore 4 EUR berappen.

 

Performance-Fazit

Das RAZR setzt sich bei der Rechenleistung mit an die Spitze, verdirbt sich aber die Höchstnote durch schwache Grafik und nicht ausgereiftes Akku-Basis-Management. Das Samsung Galaxy SII ist bei der Performance der bessere Allrounder, ganz zu schweigen vom iPhone 4S.


Eine seitliche Lautstärke-Wippe und der Standby-Button sind die einzigen Hardkeys. Das Android-typische untere Bedienfeld für Startbildschirm, Menü, Zurück und Suchen ist eine Zumutung. Die Helligkeitssensor-gesteuerte, kaum erkennbare Hinterleuchtung schaltet sich nur zeitweise nach Berührung mit kurzer Nachleuchtdauer oder bei bestimmten Applikationen permanent ein. Ansonsten bleiben die Touchkeys dunkel, und die schwarz-spiegelnde Oberfläche machen die Tastensuche zu einem Abenteuerspiel, insbesondere im hellen Tageslicht.

Im Gegensatz zu Mitbewerbern kann die Beleuchtungsdauer auch nicht unter Einstellungen beeinflusst werden, und Apps gibt es noch nicht dafür. Einen Trick gibt es aber: Mit dem linken Daumen den Helligkeitssensor links oben zudecken, und schon stellt sich die erwünschte Beleuchtung ein.

Die Android-Oberfläche hat Motorola durch das firmeneigene GUI (Graphical User Interface) Motoblur ersetzt. Dessen blendend weiße Pop-up-Fenster oder Auswahlmenüs tragen nicht gerade zur Akkuschonung bei. Weiße Schrift auf schwarzem Grund wie bei den Rivalen wäre besser gewesen.

Fünf personalisierbare Startbildschirme lassen die nach Motorolas Auffassung vier wichtigsten Anwendungen immer ortsfest bleiben (natürlich einstellbar). Der Sperrbildschirm (Lock Screen) lässt die Wahl zwischen generellem Entsperren, Abschaltung des Klingeltons (Vibrationsalarm) oder direktem Zugang zur Kamera.

Neben der recht ordentlichen virtuellen MultitouchTastatur hat Motorola gleich Swype als Alternative mitgeliefert, die vielfältige Möglichkeiten der Eingabe bereithält.

Eine Katastrophe ist die Touchscreen-Bedienung bei PC-angedocktem Smartphone, sodass beim Laden über USB nicht einmal die Telefonoberfläche bedienbar ist.

Entweder reagiert das Gerät überhaupt nicht auf Eingaben oder ruft die falschen Applikationen auf oder wechselt selbsttätig in rasanter Abfolge die letzten Fenster in einer Art Endlos-Schleife durch; offenbar ein dicker Kinken in der Abstimmung Software ↔ Betriebssystem. Da hilft nur noch, die Verbindung zum PC zu trennen.

Spracheingabe und -suche zeigen nach einigen Versuchen ganz brauchbare Ergebnisse, während die Sprachbefehle nur rudimentär sind und unsäglich schlecht funktionieren. Die scheppernd-lispelnde weibliche Computerstimme im Feldwebel-Ton („Thagen Thie einen Befehl“) lässt Apples Siri schmerzlich vermissen, zumal die RAZR-Dame auch noch schwerhörig zu sein scheint. Eine hervorragende kostenlose Alternative bietet Vlingo, die jeder Android-Nutzer haben sollte, der auf Sprachsteuerung Wert legt. Samsung beispielsweise baut sie gleich mit in die Firmware ein.

Zooming: Das RAZR bietet zwei heute selbstverständliche Möglichkeiten. Erstens Zweifinger-Zooming (Pinch-Zooming), das tadellos funktioniert, zweitens Vergrößerung/Verkleinerung durch zweimaliges Tippen in den Bildschirm.

 

 

 

Fazit zur Bedienung

Bei der Bedienung des RAZR kommt keine richtige Freude auf. Es ist vor allem die Basis-Steuerung mit dunklen, nur zu erahnenden Touchkeys ohne Leuchtdauer-Einstellmöglichkeit, die dem RAZR als Fast-KO-Kriterium kräftige Abzüge einfährt. Schwerfällige Sprachbefehle sowie dicke Eingabe-Macken bei angedocktem Smartphone verderben darüber hinaus den Spaß. Da hilft auch die schönste Bedienoberfläche nichts. Wir hoffen auf Android 4.0 und Besserung!


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