Rasante Online-Verbreitung illegaler Mountainbike-Trails

Immer wieder werden Waldstrecken von Mountainbikern illegal eingefahren. Das Teilen dieser Pisten über GPS-Tracks auf Online-Plattformen und anderen Medien soll dieses Problem erheblich beschleunigen. In Hessen gab es aus diesem Anlass bereits Treffen verschiedenster Akteure um das Problem anzugehen…

Mountainbiker teilen zunehmend ihre geradelten Strecken auf Online-Plattformen wie GPSies, Komoot und Strava. Die Vetretung der Waldbesitzer in Hessen schlägt deshalb Alarm und fordert sogar ein Verbot: Kein Kartographieren von illegal eingefahrenen Mountainbike-Waldpisten.

Waldkarten: Des einen Freud ist des anderen Leid

Heute kann dank Smartphone, Fitness-Uhr oder GPS-Handgerät fast jeder GPS-Tracks aufzeichnen und auf diversen Online-Plattformen mit anderen Nutzern teilen. Was einst nur von spezialisierten Gewerben und Ämtern geleistet werden konnte, ist heute bereits das Hobby vieler Menschen: Das Erstellen von Karten oder zumindest Teilaspekten davon, wie dem Erfassen von Straßen und Wegen. Durch vorgefertigte Desktop-Software (QGIS / ArcGIS), Web-Anwendungen (OpenStreetMaps / ArcGIS Online / Google Earth) oder Online-Plattformen wie Komoot, GPSies und Strava wird es fortwährend einfacher, gesammelte GPS-Daten auch für andere Menschen nutzbar zu machen. Der Hessische Waldbesitzerverband betrachtet genau diese Entwicklung in Bezug auf ihre Waldflächen nun allerdings sehr kritisch.

Strava Heatmap: Gefahrene Mountainbike-Strecken im Kellerwald Edersee

Zum Hintergrund: Wälder, ihre Besitzer und ihre Nutzung

Der Hessische Waldbesitzerverband vertritt zahlreiche Waldbesitzer in ganz Hessen. Schon seit Jahren wird von ihnen die zunehmende Anzahl an illegal angelegten bzw. eingefahrenen Mountainbike-Strecken beobachtet. Mindestens 50 solcher verbotenen Mountainbike-Singletrails gibt es in den Wäldern Südhessens. Die örtlichen Förster haben diese ausfindig gemacht und dem Regierungspräsidium in Darmstadt angezeigt.

Doch wo liegt eigentlich das Problem? Ist es nicht wünschenswert, wenn der moderne Mensch seinen Schreibtisch oder wahlweise das Sofa verlässt und sein Recht auf Waldnutzung in Anspruch nimmt? – Jain. – Denn beim Thema Wald treffen unterschiedlichste Interessengruppen aufeinander, die teils auseinanderklaffende Ideen davon haben, wie Wald zu schützen und zu nutzen sei. Damit es hier nicht zum großen Meinungs- und Interessenstreit kommt, ist natürlich das Meiste rechtlich geregelt. Dabei macht es allerdings einen erheblichen Unterschied, ob man zu Fuß im Wald unterwegs ist oder auf einem Mountainbike seine Wegstrecke zurücklegt. Das ganze ist natürlich noch komplexer, weshalb es gleichzeitig das jeweilige Landeswaldgesetz, den Schutzstatus des betroffenen Waldgebietes und die Meinung der jeweiligen Waldbesitzer zu beachten gilt.

Komoot: Geteilte Mountainbike-Strecke im Kellerwald-Edersee Nationalpark

Ein Einblick in die Gesetzeslage

Dem Landeswaldgesetz ist das Bundeswaldgesetz übergeordnet. In letzterem wird im § 14  Absatz 1 Betreten des Waldes gesagt, dass “das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung […] gestattet [ist]. Das Radfahren, das Fahren mit Krankenfahrstühlen und das Reiten im Walde ist nur auf Straßen und Wegen gestattet.” In Absatz 2 geht es weiter mit: Die Länder regeln die Einzelheiten. Sie können das Betreten des Waldes aus wichtigem Grund, insbesondere des Forstschutzes, der Wald- oder Wildbewirtschaftung, zum Schutz der Waldbesucher oder zur Vermeidung erheblicher Schäden oder zur Wahrung anderer schutzwürdiger Interessen des Waldbesitzers, einschränken und andere Benutzungsarten ganz oder teilweise dem Betreten gleichstellen.”

Speziell für das Land Hessen heißt das laut § 15 Absatz 3 HWaldG – Betreten des Waldes, Reiten und Fahren, dass das “Radfahren, Reiten und Fahren mit Krankenfahrstühlen […] im Wald auf befestigten oder naturfesten Wegen gestattet [ist], die von Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern oder mit deren Zustimmung angelegt wurden und auf denen unter gegenseitiger Rücksichtnahme gefahrloser Begegnungsverkehr möglich ist.” 

Nationalpark Kellerwald-Edersee Webseite: Offizielle Mountainbike-Strecke “ER 3”

Was mancher Mountainbiker nicht weiß

Anhand dieses Ausschnittes, eines der greifenden Gesetzestexte, wird schon deutlich wie stark die Nutzung in unseren Wäldern reglementiert ist. Je einschneidender die Fortbewegungsart, desto größere Einschränkungen erfährt auch die Nutzung. Daher rührt auch das Problem der illegalen Mountainbike Trails. Sie können sehr rasch entstehen, unzählige Waldbesitzer verschiedenster Waldparzellen betreffen und wichtige Funktionen des Waldes oder der Forstwirtschaft unterlaufen.

Petra Westphal, die Sprecherin vom Hessen Forst, sagte zur Problematik: „Die [Mountainbiker] rasen, ohne es zu wissen, in Gefahrenzonen“. Bestimmte Wege können auf Grund der Holzernte gesperrt sein. Wird hingegen querfeldein gefahren, kann es zu plötzlichen und risikobehafteten Begegnungen zwischen den Radfahrern und Forstarbeitern kommen. Auch Fußgänger bekunden ihren Unmut darüber, wenn Biker viel zu schnell auf schmalen Wegen unterwegs sind. Gleichzeitig werden Tiere zur Brut- und Setzzeit gestört oder dank Elektromotoren und Hochleistungslampen sogar in entlegensten Winkeln bei Nacht aufgeschreckt.

Schmaler Wanderweg

Früher Mundpropaganda heute Touristenmagnet

Nun gibt es Mountainbiker nicht erst seit ein paar Jahren. Doch während die Weitergabe von Insiderstrecken einst über Mundpropaganda nur relativ schleppend und lokal ablief, können diese durch Strava und Co. schnell zur online abrufbaren Touristenattraktion werden. Strava’s Heatmap ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell solche illegalen Strecken eingesehen werden können.

Zuständige Personen wie Westphal oder Christian Raupach, Geschäftsführer des Hessischen Waldbesitzerverbands, sehen daher das Problem in den digital angestifteten Nachahmern. Denn sind die Wege nicht von Forsteigentümern angelegt oder abgesegnet, steht immer eine Duldung im Raum, solange der Waldbesitzer nicht aktiv etwas gegen die illegalen Strecken unternimmt. Eine Duldung hat jedoch Auswirkungen auf die Verkehrssicherungspflicht, weshalb für legale Routen immer Vereine oder Institutionen verantwortlich sind, um die Strecken zu pflegen, zu kennzeichnen und die Versicherungspflicht zu übernehmen. Hingegen sind Waldbesitzer ohne solche Träger gezwungen, illegale Mountainbike-Pisten zu blockieren. „Für die Verantwortlichen vor Ort ist das eine echte Herausforderung“, so Westphal. “Denn die Routen entstehen und verschwinden schnell. In der virtuellen Welt sind die Waldbesitzer damit fast chancenlos. Es mangele an Personal, die Entwicklungen zu verfolgen.

Mountainbiker beim Downhill fahren

Verbot von kartographischen Infos fremden Eigentums

Der Waldbesitzerverband hatte daher versucht mit den App-Anbietern in Dialog zu treten, was laut dem Verband jedoch nicht von Erfolg gekrönt war. Raupach geht so weit, dass er klare Verbote fordert: Kartographische Informationen über fremdes Eigentum dürften nicht einfach ins Netz gestellt werden. Es muss eine gesetzliche Behörde geben, die das kontrolliert und den, der illegal handelt, mit einem Bußgeld belegt.“ Alle Mapper, die freiwillige geographische Informationen erheben (VGI – Volunteered Geographic Informations) oder auch Nutzer von Komoot & Co., werden hier wohl stutzig werden. Denn bisher ist das Aufzeichnen und Teilen solcher GPS-Daten natürlich ohne Probleme möglich gewesen.

Es handelt sich nicht um personenbezogene Daten, wodurch es laut dem Datenschutzbeauftragten des Landes Hessen nicht gegen geltendes Recht verstößt. Auch die Leiterin des Verbraucherschutzes bei Bitkom, dem Bundesverband für Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V., kann in diesem Sachverhalt keine grundsätzlichen Probleme feststellen: „Outdoor-Sportler dürfen daher auch die von ihnen genutzten Rad- oder Wanderwege per Apps oder GPS-Geräten teilen – auch für noch nicht bekannte Wege in Privatwäldern“. Bitkom macht auf die rechtlichen Grenzen der Waldgesetze aufmerksam, welche keinen digitalen Aspekt einbeziehen.

Strava Heatmap: Aufgezeichnete Mountainbike-Strecken im Plänterwald in Berlin
OpenStreetMaps: “Dinge wie sie auf dem Boden sind” – Wege im Plänterwald in Berlin

Angebote schaffen, statt bloße Verbote durchzudrücken

Die Landespolitik ist bereits über den “digitalen Waldweg-Wildwuchs” informiert. Ein Runder Tisch mit Vertretern von Institutionen, Verbänden und Waldnutzern beschäftigt sich laut Hessischem Umweltministerium bereits mit dem Thema. „Aufgrund der Anregungen am Runden Tisch wird das Umweltministerium den möglichen Umgang mit illegalen digitalen Waldwegen zunächst rechtlich prüfen, erklärte eine der Ministeriumssprecherinnen. Ihrer Aussage nach ist das Problem aber nicht allein durch Verbote einzudämmen: “Um der Entstehung illegaler Mountainbike-Strecken entgegenzuwirken, ist es notwendig, attraktive legale Angebote zu schaffen. In Hessen sind daher in den letzten Jahren bereits mehrere legale Mountainbike-Strecken ausgewiesen worden.

Downhill im Wald

5 thoughts on “Rasante Online-Verbreitung illegaler Mountainbike-Trails

  1. Der Waldeigentümer hat per Waldgesetz die Pflicht, seinen Wald zu erhalten. Zudem ist er per Gesetz verpflichtet zu dulden, das jeder den Wald zum Zweck der Erholung betreten darf. Das sind weitreichende gesetzliche Einschränkungen Artikel 14 Grundgesetz garantierten Eigentumsrechte. In vielen anderen Ländern auch in Europa darf die Bevölkerung den Wald nicht einfach so betreten. Betreten heisst nicht fahren oder reiten. Wenn also der Waldeigentümer schon dulden muss, das jeder quer durch seinen Wald laufen darf, muss der Gesetzgeber sein Eigentumsrecht vor weiteren Zugriffen schützen. Zum Vergleich: Rosen in Nachbars Garten anschauen ist erlaubt, meine Gartenliege in das Rosenbeet stellen hingegen nicht. So eingfach ist der Unterschied. Wir wollen Tier- und Pflanzenarten schützen. Das geht nur, wenn jeder im Wald Regeln befolgt. Das gilt auch für das Anlegen von Wegen und erst Recht im Internet, wo der Grundstückseigentümer es gar nicht bemerken kann. Ihr könnt nicht einfach so über fremdes Eigentum verfügen. Hier werden Grenzen überschritten und das völlig bedenkenlos. Hier leben Menschen ihr Freiheitsbedürfnis auf Kosten der Natur aus und drücken den verantwortlichen Eigentümern ihren Stempel auf – das ist wie mit der Gartenliege in Nachbars Garten. Geht so nicht! Müsst Ihr bitte einsehen!

  2. Genau – meidet diese Gebiete und kommt nach Graubünden in die Schweiz – hier dürfen alle Wanderwege mit dem Mountainbike befahren werden. Es gibt einen Ehrenkodex, der das Zusammensein von Wanderer und Biker regelt.

  3. Hi Folks
    es ist doch so, Intoleranz und Rücksichtslosigkeit sind in unserer Gesellschaft (leider) an der Tagesordnung – dagegen helfen Gesetze wenig!! Was können wir dagegen tun??

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