3000% überfinanziert! Schneller laden dank SONICable?

Über die Crowdfunding-Plattform indiegogo.com wird aktuell ein spezielles Ladekabel finanziert, welches in der Lage sein soll, ein iPhone- und Android-Smartphone in der halben Zeit zu laden. Wir klären die Frage: Ist das so einfach möglich?

Akku leer und wenig Zeit zum Aufladen? Wer würde sich nicht wünschen, dass sein mobiles Gerät in der halben Zeit geladen wird. Genau dieses Versprechen gibt eine aktuelle Crowdfunding-Initiative mit dem Namen SONICable auf indiegogo.com

„It charges any device in just half the time of a regular USB cable.“
(Zitat von SONICable)

Kein Wunder, dass bereits über 300.000 Dollar eingesammelt wurden, um das spezielle Ladekabel zur Marktreife zu bringen. Das Ladekabel wird für iPhones mit Lighning-Anschluss und Android-Smartphones angeboten und verfügt über einen kleinen Schalter, welcher zwischen einem Lade- und Datenmodus unterscheidet. Im Datenmodus verhält sich das Kabel wie ein normales USB-Datenkabel und kann zum Datenaustausch verwendet werden. Im Lademodus sind die Datenleitungen deaktiviert und die Ladung soll doppelt so schnell sein. Klingt simpel! Mehr technische Details sind auf der Crowdfunding-Webseite aber leider nicht zu finden.

Ist es wirklich möglich die Ladezeit zu halbieren?

So einfach wie es der Anbieter darstellt ist es leider nicht. Beispiel iPhone: Ein iPhone lädt an einem mit dem iPhone kompatiblen Netzteil mit maximal 5 Watt Leistung (1 Ampere bzw. 1000 mA). Diese Leistung kann nicht durch die Verwendung eines Kabels oder Adapters vergrößert werden. Diese Tatsache wird leider vom Anbieter komplett verschwiegen.

Anders sieht es bei der Ladung über eine USB-Schnittstelle aus. Der USB 2.0 Standard ist mit nur 500 mA und der USB 3.0 Standard mit 900 mA spezifiziert. Um die Schnittstellen nicht zu überlasten, erkennt ein iPhone über die Datenleitungen, dass es nicht an einem Netzteil angeschlossen ist und reduziert den Ladestrom entsprechend. Leider unterscheidet das Gerät jedoch nicht zwischen USB 2.0 und 3.0 und lädt somit auch an einem USB-3.0-Anschluss nur mit maximal 500 mA und somit deutlich langsamer als am Netzteil.

Hier setzt das SONICable an und simuliert über die Datenleitungen ein Netzteil (durch entsprechende Spannungsteiler an den Datenladungen) und veranlasst das iPhone, den maximalen Ladestrom zu ziehen. Sofern die USB-Schnittstelle einen entsprechend höheren Strom gegenüber ihrer Spezifikation liefern kann, lädt das iPhone an der USB-Schnittstelle mit dem SONICable schneller als ohne.

Auch wenn die meisten USB-Ausgänge durchaus mehr Strom liefern können als spezifiziert, eine Garantie gibt es nicht. Im besten Fall schaltet das Mainboard die USB-Schnittstelle wegen Überlast ab, im schlimmsten Fall sind sogar Schäden durch Überlast nicht gänzlich auszuschließen. Letztendlich nutzt das Kabel die Toleranzen einer USB-Schnittstelle nach oben hin aus. Es bleibt aber bei dem Grundsatz: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Doch selbst wenn die USB-Schnittstelle in der Lage ist wie das Netzteil 1000 mA zu liefern, so ist zwar der Strom gegenüber den 500 mA doppelt so hoch, die Ladezeit reduziert sich jedoch keinesfalls um die Hälfe, wie vom Hersteller versprochen! Die Ursache liegt darin, dass ein Lithium-Ionen-Geräteakku technisch bedingt nur bis zu einer Kapazität von ca. 80 Prozent mit dem vollen Ladestrom geladen werden kann. Die letzten 20 Prozent reduziert sich der Ladestrom gegen Null, was dazu führt, dass die letzten 20 Prozent überproportional lange benötigen und sich auch durch einen höheren Ladestrom nicht weiter beschleunigen lassen.

SONICable

Tipp für Android-Geräte

Besonders für Android-Geräte benötigt man für eine schnelle Ladung nicht unbedingt das SONICable oder einen HighSpeed-Adapter. Wer auf den Komfort der schnellen Umschaltung zwischen Daten- und Ladekabel verzichten kann und nur die maximale Ladeleistung erreichen will, nutzt ein reines USB-Ladekabel ohne Datenleitungen.

Fazit

Unserer Meinung nach wirbt der Hersteller klar mit falschen Angaben und weckt Erwartungen, die so nicht erfüllt werden können. In den meisten Fällen ist eine Halbierung der Ladezeit nicht erreichbar und an einem Netzteil ist grundsätzlich keine Verkürzung der Ladezeit möglich.

Ob und welche Ladezeitreduktion mit dem SONICable erreicht wird, hängt letztendlich ganz individuell von der Kombination Gerät / Ladegerät / USB-Schnittstelle ab. Wir haben in unserem Test des ProIdee HighSpeed Charging Adapters einige mögliche Kombinationen getestet und halten die Testergebnisse grundsätzlich für übertragbar. Das SONICable kann in einigen Kombinationen durchaus Sinn machen und die Ladung sogar über die 100 Prozent hinaus beschleunigen (Tablets an USB 3.0 Schnittstelle) und kombiniert in diesem Fall Daten- und Ladekabel sinnvoll. Schade nur, dass man von den Möglichkeiten und Einschränkungen sowie den technischen Zusammenhängen und Hintergründen auf der Crowdfunding-Plattform nichts erfährt.

Was haltet Ihr von dem SONICable? Schreibt uns Kommentare…

SONICable

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